Unsere Stimme muss gehört werden!

Beitrag in der Fachzeitschrift „perspektive mediation“ (01/2024)

Viele Menschen, vor allem auch junge Menschen spüren derzeit eine durchaus nachvollziehbare Zu- kunftsangst. Bei manchen jungen Menschen führt sie sogar zu Depression. Was treibt dich um und wie begegnest du dieser Stimmung?

Ich kenne diese Stimmung und zuneh- mende Angst auch und begegne ihr im Austausch mit meinen Freunden immer wieder. Es geht darum, die Resilienz zu stärken. Das beginnt schon sehr früh in der Familie. Die Balance zu finden zwischen Geborgenheit geben und dem Kind auch etwas zuzutrauen. Mich selbst würde ich als optimistischen Menschen bezeichnen. „Es kommt gut. Und wenn es anders kommt, dann machen wir das Beste daraus. Es öffnet sich immer eine neue Türe.“ So probiere ich durch das Leben zu gehen.

Ich bin in einem stabilen Familienumfeld aufgewachsen mit genügend Aufmerksamkeit und Raum, mich selbst kennenzulernen und zu entwickeln.

Raum, zu scheitern und wiederaufzustehen.

Immer im Wissen, wenn es mir nicht gut geht; wenn es zu viel wird – Zuhause ist immer ein Platz für mich. Die- ses Urvertrauen habe ich mitbekommen und ich bin mir sehr bewusst, dass nicht jede junge Person die gleiche Situation hat. Und es ist schon so: Die Leichtigkeit, die wir doch gerade in jungen Jahren leben und auskosten sollten, ist ein Stück weit verloren gegangen. Parallel begleitet viele die Angst vor dem persönlichen Scheitern; nicht zu genügen. Das kann ich sehr gut nachvollziehen. Ich vergleiche mich immer wieder mit Anderen und stelle mir dann die Frage, weshalb ich nicht auch schon dies oder das erreicht habe. Das ist ungesunder Druck, dem ich mich jeweils auch bewusst entziehen muss.

Viele von uns machen sich auch Gedanken, wie unser Land und unsere Welt ausschauen, wenn wir zum Beispiel eine Familie gründen und älter werden. Es geht dabei weniger um Besitzstandwahrung, sondern mehr um vielversprechende Perspektiven. Viele Trends zeigen in eine beunruhigende Richtung. Kriege, Klimakrise, Verlust der Biodiversität, zunehmender Antisemitismus, Zunahme sozialer Ungleichheiten, Angriffe auf die Demokratie und ihre Institutionen. Da frage ich mich schon: Lernen wir es als Menschen denn nie? Gleichzeitig leben wir gerade in der Schweiz in Sicherheit und Wohlstand. Wir können alles werden und haben immer x Möglichkeiten. Das ist zwar schön, kann aber gleichzeitig auch eine grosse Belastung sein. Es ist ein Wechselbad der Gefühle.

Vor dem Hintergrund aktueller Konflikte und der vorherrschenden Diskussionskultur entsteht der Eindruck, dass man immer weniger gewillt ist, miteinander zu reden, bzw. zu versuchen, die Position der anderen Person anzuhören, wenn nicht sogar zu verstehen. Dieser rauhere Wind bläst auch in der Politik. Wie handhabt ihr den Umgang mit dem politischen „Gegner“ in Zeiten der Polarisierung – sind die Jungen allenfalls weiser als die Alten? Wie fördert ihr vor dem Hintergrund der Megaprobleme, die wir lösen müssen, die Zusammenarbeit, den Dialog?

Die Auseinandersetzung mit Anders- denkenden ist unabdingbar für das Funktionieren einer Gesellschaft. Deshalb müssen wir als Gesellschaft zum Beispiel alles daransetzen, dass das Vereinsleben auf- rechterhalten bleibt, die zunehmende Einsamkeit bekämpft wird und wir uns nicht in unseren Filterblasen in den Sozialen Medien verlieren. In den Vereinen wird man gezwungen, sich auf andere einzulassen, ihnen zu vertrauen, sich selbst einmal zurückzunehmen. Sei es das Schiessen im Schützenverband, das Musizieren in der Guggenmusik oder das Politisieren in einer Partei. Die gemeinsame Grundlage gibt eine Robustheit, um auch einmal schwierigere Themen zu diskutieren. Wenn ich am Weihnachtsmarkt Glühwein ausschenken helfe, bei der Operette Sirnach an der Kasse sitze, an einem Abstimmungssonntag an der Urne stehe oder an einer Parteiversammlung mit anderen Mitgliedern diskutiere, dann begegne ich anderen Menschen und führe Gespräche, die ich sonst nie geführt hätte.

Ich bekomme jeweils ein gutes Gespür, was die anderen beschäftigt und wie sie die Welt sehen.

Das hilft, Verständnis aufzubringen. Deshalb bin ich überzeugt, dass wir alle wieder verstärkt den Dialog suchen, zuhören, Bedürfnisse verstehen und Brücken bauen sollten.

Ich verweigere im Grundsatz nie ein Gespräch. Ich bin der festen Überzeugung, dass es länger- fristig nichts bringt, wenn man den Dialog kappt.

Der Dialog muss so lange wie möglich aufrecht- erhalten bleiben.

Für mich ist es wichtig, dass ich auch mit Menschen, die eine ganz andere Meinung und ein anderes Weltbild haben, ein Gespräch führen kann. Mit Respekt vor dem jeweiligen Menschen und im Wissen, das jede Person einen Grund hat, weshalb sie oder er diese Gedanken und Gefühle hat. Für solche Gespräche wurde ich auch schon kritisiert. Aber wem würde es etwas bringen, wenn ich das Gespräch aus Prinzip verweigern würde? Es fördert bloss das Unverständnis und die Abneigung und Vorurteile verfestigen sich. Meine Erfahrung lehrt mich, dass durch ein persönliches und nicht allzu ober- flächliches Gespräch Vorurteile schnell abgebaut wer- den können.

Der Generationenkonflikt steht ins Haus. Wir gehen in unseren Breitengraden auf eine Zeit zu, in welcher es viel mehr alte als junge Menschen gibt. Es wird an vielem fehlen, gerade mit Blick auf die Zukunft: Wie geht ihr mit dem Wissen um, dass Mittel und Res- sourcen für die Junge Generation möglicherweise knapp werden (AHV, PK, Pflegefachleute etc.) und ihr für die jetzigen (und immer zahlreicher werdenden) Alten arbeitet? Wie sähe Fairness zwischen den Ge- nerationen aus, gäbe es einen Wunsch an die ältere Generation?

Ich sehe es auch so, dass sich nicht alles mit den alten Rezepten lösen lässt. Alle Genera- tionen werden viel Verständnis aufbringen, sich von ei- genen Vorstellungen zum Teil verabschieden und auch einmal über den eigenen Schatten springen müssen. Mein Wunsch an die ältere Generation ist, dass sie offen bleibt für Neues und der jungen Generation das Vertrau- en gibt, die Dinge anzupacken und zu lösen. Wir werden das wahrscheinlich anders machen, aber das ist gut so und soll so sein. Vertraut uns und übergebt das Zepter zum richtigen Zeitpunkt. Etwas ist mir aber noch wichtiger:

Hört auf uns, wenn wir auf Themen aufmerksam machen, die uns beschäftigen!

Zum Beispiel die psychische Gesundheit. Oftmals wird man hier von den älteren noch belächelt. „Ist schon ein wichtiges Thema, aber eigentlich sind die meisten von euch doch einfach nur Schneeflocken.“ Ich nehme das zur Kenntnis und sage mir: Wir müssen noch mehr Überzeugungsarbeit leisten.

Zudem merke ich im Austausch, dass die Jungen und älteren Menschen von einigen Dingen ein anderes Ver- ständnis haben. Ein Beispiel: Während bei den älteren Generationen der materielle Wohlstand im Vordergrund steht, werden bei uns jungen Menschen soziale Bezie- hungen und Ausgleich höher gewichtet. Lebensqualität wird also anders definiert. Wenn sich die verschiede- nen Generationen nicht verstanden fühlen, wird es sehr schwierig für den Zusammenhalt. Vielleicht verabschie- den wir Junge uns dann plötzlich aus dem Generatio- nenvertrag? Das würde aber letztlich niemandem helfen. Fairness zwischen den Generationen bedeutet für mich, dass die Last der Herausforderungen gerecht verteilt wird. Die ganze finanzielle Last der Rentenbezahlung den jungen Menschen und Familien aufbürden? Geht zum Beispiel gar nicht. Genau deshalb engagiere ich mich in der Politik. Unsere Stimme muss gehört und die Anliegen und Sorgen der Jungen ernst genommen werden.

Noch nie war Kommunikation nach aussen so einfach wie heute. Jeder kann sich über alle möglichen Kanäle äussern. Wie geht ihr um mit Kommunikation in Zeiten von Social Media, wo Hatespeech Klicks generiert und wo Menschen (und Wahlen) einfach manipuliert werden können. Wie können Soziale Medien zur Chance werden? Habt ihr eine clevere He- rangehensweise für den Umgang mit Social Media?

Angela Merkel hat 2013 gesagt: „Das Internet ist für uns alle Neuland.“ Darauf gab es ein grosses Gelächter, vor allem in den Sozialen Medien. Das Klischee war perfekt. Eine ältere Politikerin ent- deckt 2013 das Internet, während die breite Masse der Bevölkerung tagtäglich im Internet ist. Für mich ist klar: Sie hatte damals recht. Und auch heute passt der Satz noch bestens. Nur weil wir mit den sozialen Medien auf- gewachsen sind, heisst das nicht, dass wir auch damit umgehen können. Die Sozialen Medien haben definitiv ihre positiven Seiten wie: einfacher Informationsaus- tausch, Zugang zu Bildung, die Möglichkeit von Unter- stützungsgemeinschaften und vieles mehr. Es ist aber auch erwiesen, dass die Sozialen Medien genauso zur Sucht werden, wie Alkohol oder Rauchen und dass sie grossen negativen Einfluss auf die psychische Gesund- heit haben können.

Es stellen sich viele Fragen: Wie fest müssen wir Algo- rithmen regulieren? Steht Eigenverantwortung vor allem oder braucht es staatlichen Schutz? Muss eine Social- Media-Plattform bestraft werden können, wenn auf ihrer Plattform Falschinformationen verbreitet werden? Mit der Verbreitung von sogenannten Fake News, Deep Fakes und die schlaue Anwendung von Algorithmen haben die Sozialen Medien Möglichkeiten geschaffen, die es den Feinden und Gegnern der demokratischen Grundordnung leichter macht, sie anzugreifen. Das dürfen wir nicht unterschätzen. Deshalb braucht es gezielte Regulierungen und Aufklärung.

Der Umgang mit sozialen Netzwerken muss erlernt wer- den. Es ist entscheidend, dass die Medienkompetenz gefördert wird. Das ist eine gemeinschaftliche Aufgabe von Familie und Schule. Junge Menschen müssen ler- nen, Informationen kritisch zu hinterfragen, Quellen zu überprüfen und sich bewusst zu sein, wie Algorithmen in Sozialen Medien funktionieren. Das bedeutet auch, sich der eigenen Filterblase bewusst zu sein. Es ist darum wichtig, dass wir in eine Stärkung der Medienkompetenz, die bereits früh in der Schule beginnt, investieren.

In unserer direkten Demokratie geht es immer wie- der darum Konsens zu finden. Die einen ärgern sich, weil in der Diskussion Kompromisse geschmiedet werden, und böse gesagt, alles abgeschliffen wird und am Ende nicht selten etwas zahnlose Papiertiger bleiben. Die anderen sagen: So findet man beständi- ge Mehrheiten. Gerade der Föderalismus, der auf In- klusion baut, ist vor dem Hintergrund der Geschwin- digkeit und Komplexität unserer Gesellschaft nicht selten mehr Fluch und Klumpfuss als Segen. Wie steht ihr als junge Generation, die anders/schneller unterwegs ist, zu dieser Problematik und gibt es Lösungsansätze?

Der Föderalismus stärkt das Vertrauen in die Politik, denn je näher am Geschehen die Politikerinnen und Politiker sind und entscheiden, desto akzeptierter ist ein Entscheid. Schnellschüsse und unüberlegte Übungen sind in un- serem System selten. Der Föderalismus sorgt für Debat- ten, Vielfalt und Machtteilung. Deshalb müssen wir ihm Sorge tragen. Trotzdem befinde ich mich immer wieder im Zwiespalt. Denn der Föderalismus kommt an seine Grenzen. Viele Probleme müssen überkantonal, national, und immer mehr auch international gelöst werden.

Für gewisse Herausforderungen ist das Tempo deutlich zu langsam. In der Klima- und Energiepolitik zum Beispiel sollte es endlich schneller vorwärts gehen! Als junge Person fehlt es mir hier teilweise an Mut und an Visionen in der Politik. Die Politik hat die Verantwortung, heute für morgen anzupacken. Oft ist aber der Handlungsdruck noch nicht gross genug oder man packt es nicht an, weil es unschöne Massnahmen braucht und man sich des- halb die Probleme weiterreicht wie eine heisse Kartoffel. Ich bin jedoch überzeugt: Unsere Bevölkerung erträgt auch unbequeme Wahrheiten. Eine junge Generation, die versucht etwas stärker auf das Tempo zu drücken und ihre Themen zu setzen, ist darum wichtig und muss ernst genommen werden.

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